Von Lebenden und Toten auf dem Münchner Südfriedhof

„Ich lass mir doch meinen Pennplatz nicht kaputt machen.“ Seine Schlafstätte verteidigt Michi, wie auch seinen Schnorrplatz an der Münchner Heilig-Geist-Kirche. Der 46 Jahre alte Obdachlose will keinen Ärger. Davon hatte er früher mehr als genug. Früher, als Michi noch durch die Welt gezogen ist. „Knast, Erziehungscamp. Nichts Besonderes. Passiert tausendfach.“ Satanische Symbole und ein Hakenkreuz auf dem linken Handrücken sind übrig geblieben. „Böse Zeichen. Die haben mir nie was bedeutet. Aber damals musste man so was haben.“ Die Zeiten sind vorbei. Michi hat seinen Platz gefunden. Seit 16 Jahren schläft er bei der „Louise“ – am Grabmal der Louise Freifrau von Wendland. Hier, auf dem Alten Südfriedhof in der Isarvorstadt, hat er seine Ruhe. Wenn der Friedhofsgärtner allabendlich die großen Eisentore mit Vorhängeschlössern verschließt, hat Michi sein Reich für sich: „An der Isar würde ich wahnsinnig werden. Viel zu viel Betrieb. Da kommst du nicht zur Ruhe.“

Und auch für die Bewohner der Isarvorstadt ist der Südfriedhof eine kleine Oase: Vogelgezwitscher, Bärlauchduft. Hier und da springt ein Eichhörnchen von Baum zu Baum, Spaziergänger flanieren an den Gräbern vorbei, Mütter schieben Kinderwägen, der Opa erklärt seinem Enkel die schönen Denkmäler berühmter Persönlichkeiten. Und davon gibt es auf dem Südfriedhof eine ganze Menge: Der Erfinder und Konstrukteur Josef von Fraunhofer, der Maler Carl Spitzweg und die Münchner Baumeister Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Es gibt kaum eine Persönlichkeit auf dem Friedhof, nach der nicht eine Straße in München benannt ist. Michi kennt sie fast alle: „Mich sprechen oft Spaziergänger an, die ein bestimmtes Grab suchen. Dann erkläre ich ihnen, wie sie da hinkommen. Sollte ich eines nicht kennen, dann suche ich es und das nächste Mal kann ich wieder weiterhelfen.“

Diashow vom Münchner Südfriedhof

Etwa 450 Jahre ist der Friedhof nun alt, im Jahr 1563 wurde er vor den Toren der Stadt errichtet. Aber erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Südfriedhof zu einem beliebten Bestattungsort, zeitweise war er sogar der Zentralfriedhof Münchens. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde aufgrund der schweren Kriegsschäden nicht mehr bestattet. Seitdem entwickelte sich der Friedhof zu einem Natur-Park in der Stadt. Michi schätzt das an seinem Zuhause: „Es ist toll, hier an der frischen Luft mitten in der Natur zu schlafen, man kann sich eigentlich keine schönere Wohnung vorstellen.“ Neben den berühmten Grabmälern, die kunst- und kulturhistorische Denkmäler sind, ist der Friedhof auch wegen seiner Pflanzen- und Tiervielfalt bekannt und schützenswert.

Das erkannte auch die Stadt München: „2004 wurde der Friedhof renoviert. Heute wird der Südfriedhof als Erholungsoase für die Bevölkerung gesehen“, erklärt Alexander Miklosy, der Vorsitzende des Bezirksausschusses Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Und ohne die ständigen Ausbesserungen an den Grabmälern und die Pflege der Grünflächen wäre er nicht das, was er heute ist: nicht nur der älteste, sondern auch einer der schönsten Parks der Innenstadt.

Tim Kempen und Susanne Lux


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